(EURO-)VISION oder WAHN?

Letzte Woche war ja dieser Anlass, von dem ich erst richtig realisiert habe, dass er stattgefunden hat, als er schon fertig war: Der Eurovision Song Contest oder kurz ESC. Laut 20 Minuten hat dann ein russischer Senator gesagt, dass es ein Sieg der Politik über die Kunst war, weil die Ukraine gewonnen hat. Ein anderer russischer Politiker wurde mit der Aussage zitiert: „Der Punktzahl nach hat die Geopolitik die Oberhand gewonnen“.

Ich habe dies zum Anlass genommen, um die Rangliste des ESC etwas genauer zu studieren, mal mit einem politik-wissenschaftlichen Ansatz. Und tatsächlich:

  • Unter den ersten zehn des Finals waren insgesamt fünf Länder des ehemaligen Ostblocks. Ich sehe das wie die Russen: Das hat nichts mehr mit Kunst zu tun, sondern mit Politik. Der eiserne Vorhang ist zurück.
  • Armenien ist Siebter, die Türkei erst gar nicht im Final: Wenn das nicht einer Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern gleichkommt, weiss ich auch nicht mehr weiter.
  • Letzter im Final: Deutschland. Und zwar 20 Ränge hinter Frankreich. Die  Quersumme von 20 ist 2, das entspricht dem Buchstaben B des Alphabets. Das kann eigentlich nur „banlieue“ heissen. Völlig klar, was die Franzosen da den Deutschen sagen wollen. Oder heisst es doch „balance“ – also eher eine vermittelnde Botschaft? Oder allenfalls „bataille“? Oder wollten die Franzosen gar etwas auf Deutsch sagen?
  • Australien ist Zweiter! Das hingegen lässt mich geopolitisch noch etwas ratlos. Sucht Australien den Anschluss an die EU? Ist das die neue Deeskalationspolitik der NATO? Oder haben die bei der Bezeichnung doch Austria und Australia verwechselt?
  • Und wer war letzter im zweiten Halbfinal? Die Schweiz! Braucht es noch ein deutlicheres Zeichen für unsere politische Isolation? Man will uns gar nicht in der EU – wir brauchen uns innenpolitisch nicht mehr darüber zu streiten.

Dieses Jahr gab es beim ESC ja Publikums-Stimmen und Jury-Stimmen. Mit den Publikums-Stimmen wäre Russland offensichtlich erster geworden, knapp vor der Ukraine. Das war die eigentliche Botschaft der Russen, wir haben das nur nicht verstanden: Volksabstimmungen zählen mehr als Expertengremien! Offensichtlich haben wir doch mehr gemeinsam, als wir denken. Vielleicht hilft uns Russland aus unserer Isolation?

2 Gedanken zu “(EURO-)VISION oder WAHN?

  1. Jedes Jahr liest man nach dem ESC die gleichen konspirativen Analysen, meistens ausgerechnet von solchen Schreiberlingen, die offensichtlich weder die beiden Halbfinals noch den Final im Fernseher mitverfolgt haben. 🙂 Auch wenn dieser Blogeintrag mit einer gewissen Prise Ironie angereichert ist, erlaube ich mir einige Anmerkungen:

    • Von den 42 teilnehmenden Ländern sind rund die Hälfte dem „ehemaligen Ostblock“ zuzuordnen. Wenn unter den ersten zehn des Finals fünf solcher Länder zu finden sind, stimmt das Verhältnis doch eigentlich ziemlich gut. Von den letzten zehn ESC-Gewinnern kamen nur gerade drei aus dem Osten.

    • Dass die Türkei im Final nicht dabei war, hat einen guten Grund. Das Land hat am ESC nämlich gar nicht erst mitgemacht. Der Grund dafür ist unter anderem eine ablehnende homophobe Haltung dem ESC gegenüber.

    • Der letzte Platz der Schweiz als politische Isolation zu werten, verschleiert die Tatsache, dass der Beitrag in keinerlei Hinsicht überzeugen konnte und wohl deshalb nicht weiterkam. Gleiches gilt für den Beitrag der Deutschen. Da gab es im Final offensichtlich noch 25 bessere Beiträge. Ob da wirklich Mutti Merkels Flüchtlingspolitik Auslöser für diesen letzten Platz ist, ist zu bezweifeln.

    Über Geschmack lässt sich immer streiten. Die drei Länder auf dem Siegertreppchen haben aber auch aus der Schweiz Punkte erhalten. Immerhin eine musikalische Abschottung als Konsument kann hierzulande ausgeschlossen werden.

    Im Publikumsvoting haben die Ukrainer den Russen die maximale Punktzahl gegeben, umgekehrt setzten die Russen den ukrainischen Beitrag auf den zweiten Rang. Dass hier die Zuschauer besser zwischen Politik und Kunst unterscheiden, als die Experten-Jurys ist offensichtlich. Insofern ist das Loblied des Autors auf die Volksabstimmungen zu unterstützen. Und da sind wir Schweizer ja eigentlich die Spezialisten. Wenn wir zudem unsere typischen Schweizer Tugenden wie den Innovationsgeist, die Präzision aber auch unsere Weltoffenheit in einen Topf werfen, müssten wir doch den ESC für uns entscheiden, oder nicht? Wenn wir aber weiterhin auf unsere ebenso typischen Eigenschaften, wie Bescheidenheit und Unaufgeregtheit setzen, wird daraus wohl nichts.

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    1. Lieber Tumasch
      Besten Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Ich vermute jetzt mal, dass du ESC-Fan bist … und ich bin mir nicht ganz sicher, ob mein Humor „angekommen“ ist. In meinem Blog geht es tatsächlich datum, gewisse Dinge etwas ins Lächerliche zu ziehen. Was ich nicht wollte, ist den ESC ins Lächerliche zu ziehen, sondern die alljährlich kommenden politischen Interpretationen des ESC. Aber danke, dass du mich so Ernst genommen hast (:-)). Immerhin sind wir uns in den Schlussfolgerungen einig! Beste Grüsse Lorenz

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